1.

Schon vor dem ersten Hahnenschrei ist sie aufgestanden. In der fensterlosen Kammer hat sie das Nachthemd abgestreift und das an vielen Stellen eingerissene Stück an den Nagel neben der Tür gehängt, ein grauer Schatten in der Dunkelheit. Ihr Taggewand zwängt sie nur mit Mühe über ihren Leib. Sie hat zugenommen in letzter Zeit, dabei kann sie wahrlich nicht sagen, dass sie zu viel isst. Das Gesinde in diesem Haus wird knapp gehalten. "Damit ihr mir nicht zu faul werdet", pflegt der Müller zu sagen, wenn er die Suppenkelle nur einmal in die Schüsseln der Bediensteten leeren lässt. Er sieht dabei seine Frau an, die dazu nickt.
Johanna zieht die Tür ihres Verschlags auf, nichts weiter als ein nachlässig gezimmerter Lattenrost, und tritt auf den Gang hinaus, schleppt ihre Körperfülle am Ziegenstall vorbei auf den Hof. Der Morgennebel vom nahen Fluss umklammert sie kalt. Sie beugt sich über den Brunnentrog an der Hauswand und wirft sich mit beiden Händen Wasser ins Gesicht, um die Müdigkeit zu vertreiben. Sie hört Geräusche von der anderen Seite des Hauses, leises Scharren von Hufen, das Knarren hölzerner Wagenräder, gedämpfte Stimmen von vielen Leuten, hier und da das Schnauben eines Pferdes oder Esels: Geräusche, die einen arbeitsreichen Tag vermuten lassen.
Aus einem Lagerschuppen holt Johanna einen Arm voll Feuerholz, das einer der Knechte hier aufgeschichtet hat, und trägt es in die Küche, legt einige Scheite in die Restglut der offenen Feuerstelle und zieht die beiden schweren Kessel nach vorn. Sie hat den kleineren mit dem Essen für die Herrschaft bereits gestern Abend zur Hälfte mit Wasser gefüllt und die Hammelknochen hineingeworfen, die vor ein paar Tagen beim Schlachten übrig geblieben sind. Jetzt schaufelt sie aus der Kornkiste ein paar Becher Hirse hinein. In den größeren Kessel gibt sie eine Schaufel graues Weizenmehl und verrührt es schnell, damit es nicht so stark klumpt.
"Gib noch mehr Wasser und Mehl in den Gesindekessel", hört sie eine barsche Frauenstimme hinter sich. "Und eine Handvoll dicke Graupen dazu. Du weißt, wir haben heute eine Menge zusätzlicher Leute zu verköstigen."
Johanna hat gar nicht gehört, dass die Herrin gekommen ist, und fährt erschrocken herum. Die Müllerin, eine stets streng blickende, kräftige Frau, deutet auf einen Korb neben der Feuerstelle, in dem sich verwelktes, schmutziges Wurzelgemüse befindet, rote Rüben, ein halber Rettich und eine Ansammlung verkümmerter Pastinaken. "Schneide das in die Suppe für das Gesinde. Draußen sind heute die Knechte, die das Getreide zum Mahlen bringen, bis jetzt etwa zwanzig Leute, aber es werden noch mehr. Wenn sie unruhig werden, füllst du ihnen die Näpfe. Zuvor aber mistest du den Hühnerstall aus. Los, los, mehr Bewegung!" Die Müllerin duldet keinen Müßiggang. "Warum brennt noch kein Feuer?"
"Es steigt gleich auf", sagt Johanna. Ihr ungeduldiger Ton grenzt an Widerspruch, und verlegen greift sie rasch nach dem Schürhaken, lockert die Asche, bläst in die Glut. Schon springen die Flammen um die Scheite: gelbrote Zungen, die an den schwarzen Unterseiten der Kessel lecken.
"Ich meinte, jawohl, Frau Müllerin." Johanna hat sich erhoben, weil das so üblich ist, wenn sie Anweisungen empfängt, und nun macht sie einen ungeschickten Knicks, der ihre ausladende Gestalt ins Wanken bringt.
"Du wirst immer fetter", stellt ihre Dienstherrin fest. "Ich werde dir eine Arbeit geben, bei der du dich mehr bewegst. Ab heute bekommst du nur noch eine halbe Kelle Brei zu jeder Mahlzeit und einen kleineren Brotkanten."
Johanna wagt nicht, darauf etwas zu sagen, weil die Herrin merken könnte, dass sie den Tränen nahe ist. Sie ist von früh bist spät hungrig und kann sich nicht vorstellen, künftig nur noch von halben Portionen zu leben. Ihr ist schon jetzt oft schwindlig vor Hunger, und das wird schlimmer werden. Sie blickt nur kurz nach dem Feuer, das jetzt munter lodert, und geht hinaus zu den Hühnerställen.
Das Ausmisten des Hühnerstalls ist eine der unbeliebtesten Arbeiten im Haushalt. Die Hühner lassen ihren Kot überall im Stall fallen, der Gestank ist beißend, besonders, wenn man mit der zerbrochenen Hacke, die dafür zur Verfügung steht, die verkrustete Masse von den Sitzrosten brechen muss. Dabei muss man aufpassen, dass man nicht ein irgendwo verstecktes Ei zerschlägt. Es gibt keine Schaufel, und Johanna wirft den Hühnerkot mit bloßen Händen in den hölzernen Eimer. Schon nach wenigen Augenblicken frisst sich der brennende Schmerz der Säure in Finger und Handflächen. Johanna trägt den Eimer hinaus in den Garten und verteilt den Inhalt auf den Beeten. Die Kohlköpfe werden im Herbst besonders dick davon.
Johanna spürt das Bedürfnis, kaltes Wasser über ihre Hände laufen zu lassen, doch sie weiß, dass das Brennen sich dann verdoppelt. Sie sieht sich um, niemand ist in der Nähe. Sie pflückt rasch ein Zweiglein Petersil und zerreibt es zwischen den Handflächen, dann wischt sie sie an ihrem Kleid ab.
Im Haus schürt sie das Feuer erneut. Die Hirsesuppe im Topf verdickt sich zu einem Brei. Der Herrentisch ist bereits gedeckt, und Marie, die erste Magd, die Hausmagd, kommt mit einer Schüssel, um für die Herrschaft das Dicke abzuschöpfen. Am Herrentisch sitzen bereits der Großknecht und der erste und zweite Mühlengeselle. Alle drei erheben sich, als der Müller kommt. Marie stellt den Brei in die Mitte des Tisches und reicht dem Müller das Brot. Dieser setzt sich, ein breiter Mann mit rundem Gesicht und lächelnden Augen, die aber auch gemein schauen können, wenn er einen Zorn hat, das weiß Johanna. Er schlägt sie oft, wenn seine Frau es verlangt. Nur zum Schein, hat er ihr einmal heimlich versichert, aber Schmerzen sind Schmerzen, und sie sieht, dass ihm das Schlagen Genuss bereitet. Die Müllerin nennt ihn immer "mein Meister", wenn andere dabei sind. Johanna weiß, dass die Herrin das nicht wirklich meint. Denn das Sagen hat sie, weil die Mühle früher ihrem Vater gehört hat, und der Meister hat nur eingeheiratet, aus Apolda, wo er bei seinem Onkel arbeiten musste, bis dessen Sohn die dortige Stadtmühle übernahm.
Johanna weiß viel über den Meister und seine Frau. Er hat ihr Manches erzählt. Wenn die Müllerin nicht da ist, ruft er sie, Johanna, manchmal in das hintere Lager, wo die ausgeklopften Mehlsäcke gestapelt sind. Niemand kommt außerhalb der Erntezeit dort hin. Er ist dann ganz anders zu ihr, viel freundlicher. Er berührt ihren Körper, wiegt ihre Brüste in den Händen, küsst sie mit übel riechendem Mund. Sie hat noch nie gewagt, ihn abzuwehren, denn sie möchte nicht aus dem Dienst vertrieben werden. Wo sollte sie hin? Sie spielen das Eheleutespiel, und der Müller redet viel, weil er vorher immer seinen Weizenbrand trinkt, den er im Winter macht, wenn wenig Anderes zu tun ist. Sie hat ihn einmal gefragt, warum ausgerechnet sie sein heimliches Nebenweib ist, wie er sie oft nennt. Es gibt ja genug Mägde in der Niedermühle, auch ganz junge, frische, die gerade dreizehn, vierzehn sind, noch Jungfern, wie die Männer sie mögen. Der Müller hat gelacht, hat ihr einen gut gemeinten Schlag auf das Hinterteil gegeben und gesagt: "Viel Fleisch - viel Frau!" Das hat Johanna gefallen. Der Müller ist der einzige Mensch, der es mag, dass sie so dick ist, und sie kann ihn gut leiden, auch wenn er manchmal sehr böse werden kann.
Sie hat es mit dieser Herrschaft nicht schlecht getroffen, obwohl sie vom ersten Hahnenschrei bis zur letzten Erschöpfung arbeitet. Es sind nur drei bis vier Stunden Schlaf, die sie nächtens, gekrümmt, auf feuchtem, nach Schweiß, Urin und Schimmel stinkendem Heu in ihrer fensterlosen Kammer neben dem Ziegenstall verbringt.
"Was hältst du hier Maulaffen feil!" Die Müllerin steht plötzlich vor Johanna. "Gieß mehr Wasser in den Brei für das Gesinde, wie ich es dir gesagt habe! Und schneide endlich das da!" Sie weist mit spitzem Finger, der vor Zorn zittert, auf das schmutzige Wurzelgemüse.
Der Müller sitzt am Tisch der Herrschaft, betet und bricht das Brot, teilt es den Anwesenden zu. Was übrig bleibt, kommt an den Gesindetisch. Für Johanna gibt es da keinen eigenen Platz. Wenn jemand fertig ist, darf sie sich setzen, verschlingt eilig etwas von dem, was noch da ist, und hat wieder zu tun. Sie kennt es nicht anders, seit sie fünfzehn geworden ist und in dieses Haus kam – sieben Jahre jetzt, aber sie klagt nicht. Sie hat zu essen und einen Schlafplatz. Mehr als so viele andere.

*

Die Sonne steht schon bei Mittag, als Johanna hinausgeht. Einer der Knechte hat ihr den schweren Kübel mit der Graupen- und Mehlsuppe ins Freie getragen. Sofort springen Leute von Wagen und Karren, rennen herbei, umringen Johanna, halten ihr die hölzernen Näpfe hin. Es sind Knechte von den Höfen rings um Weimar, die mit Esels- oder Handkarren gekommen sind, um das Getreide anzubieten, das in diesen Erntetagen gedroschen wurde. Sie müssen lange anstehen, weil heute so viele da sind. Die lange Reihe der wartenden Wagen reicht bis hinter den weiten Bogen der Ilm.
Mit einer hölzernen Kelle teilt Johanna die dünne Suppe aus und widersteht dem Drang, die Kelle selbst einmal zum Mund zu führen. Die Männer schlürfen laut. Ihre mürrischen Gesichter hellen sich auf, als hätten sie mit der Suppe zugleich Freundlichkeit getrunken. Einige fangen an zu scherzen, machen Bemerkungen über Johanna. "Du hast wohl die fetten Fleischbrocken alle selbst herausgeangelt", sagt einer. "Und uns lässt du nur das trübe Wasser übrig."
"Wenn das Fleisch solche Zinsen bringt, ist es aber gut angelegt", sagt ein anderer und streckt die Hand nach Johannas üppiger Brust aus, doch sie kann sich geschickt entziehen. Einige lachen.
"Zier dich doch nicht so!" oder "Du hast wohl einen heimlichen Schatz, für den du das alles aufhebst!", scherzen die Männer, und Johanna errötet dabei. Sie mag es nicht, wenn sie im Mittelpunkt steht. Die Leute meinen es auch nicht ernst, denn jeder weiß, dass es für eine Dienstmagd unmöglich ist, einen Liebsten zu haben. Wohin sollte so etwas führen? Heiraten und Kinder bekommen ist nur etwas für Herrschaften. Gesinde muss von früh bis spät arbeiten, da bleibt keine Zeit. Außerdem – wer einen Schatz hat, bekommt ein Kind. Rätselhaft, aber das ist so. Welche Herrschaft würde schon ein fremdes Kind durchfüttern? Man wird aus dem Haus gejagt und findet als ledige Mutter keine andere Anstellung. Bettlerin im Straßengraben oder Gefangene im Arbeitshaus – beides ist gleich schlimm. Ein Kind würde schon im ersten Lebensjahr verhungern oder erfrieren. An Heirat ist nicht zu denken. Johanna hat gehört, dass es in vielen Fürstentümern dem Gesinde gar nicht erlaubt ist, zu heiraten.
Im Suppentopf ist nur noch ein Rest, den bringt sie zu den Leuten ganz vorn in der Reihe, die nicht gewagt haben, sich um sie zu drängen, da sie ihren günstigen Platz nicht aufs Spiel setzen wollten. Matthis der Einarmige und der Galgenpeter, Hans der Steinklopfer und der Hinkende Konrad halten ihr die Näpfe entgegen.
Der Müller prüft das Korn auf dem Handkarren, der ganz vorn in der Reihe steht, direkt vor der Schütte zum Lager im unteren Geschoss der Mühle. "Was ist denn das?", fährt er den Galgenpeter an, der aus einem der benachbarten Dörfer kommt. "Das sind ja mehr Distelsamen als Getreide! Fahr damit zurück. Was soll ich damit!"
Der hagere Alte machte ein Jammergesicht. "Bitte schickt mich nicht fort! Wenn ich mit der Ladung zurückkomme, jagt mich der Bauer vom Hof! Er braucht das Geld, die Ernte war schlecht, seine Frau bekommt gerade das fünfte Kind! Ich bitte Euch, Herr!"
Der Müller greift in das Getreide und lässt es zurückrieseln. "Siehst du, wie der Distelsamen im Wind davon weht?" Er deutet mit dem Kinn zum Dreschplatz neben der Mühle. "Fahr da hinüber und drisch es noch einmal aus, wie ihr es zuvor hättet tun sollen. Dann werden wir sehen."
"Ich danke Euch, Herr, ich danke Euch!" Der Galgenpeter macht eine Verbeugung und zieht den Handkarren auf den Platz, der ihm zugewiesen wurde.
In diesem Moment ertönt Lärm von der Straße. Eine Kutsche kommt in Sicht, ein elegantes Gefährt mit dem herzoglichen Wappen an den Türen. Die Räder sind eisenbereift und übertönen den Lärm der Pferdehufe auf der mit Steinen gepflasterten Straße. Es ist ein gebieterischer Klang: Hier kommt die Obrigkeit! Der Kutscher, ein beleibter kahlköpfiger Bursche in verschlissener Uniform, deren Knöpfe sichtbar spannen, bringt Pferde und Wagen zum Stehen, springt vom Kutschbock und öffnet eine der Türen. Ein eleganter Mann steigt heraus, groß, in einem dunkelblauen Mantel mit breiten Kragenaufschlägen und einer bunten Weste darunter, die wie kostbare Seide schimmert. Die schwarzen, eng anliegenden Beinkleider stecken in weiten ledernen Stulpenstiefeln. Die trägt hier in Weimar nur einer, und so weiß Johanna, dass dieser Mann, den sie noch nie von so nah gesehen hat, der Geheimrat Goethe sein muss, über den so viel geredet wird. Er hat nicht nur eines der höchsten Regierungsämter im Herzogtum inne, er soll auch ein berühmter Dichter sein. Johanna kann sich darunter nicht viel vorstellen. Eine Magd kann nicht lesen, und es soll ja auch gefährlich sein. Viele empfindsame Jungfern haben sich, nachdem sie seinen Roman gelesen haben, das Leben genommen. Erst kürzlich hat sich eine in der Ilm ertränkt. In ihrer Tasche wurde ein Buch mit dem Titel "Werthers Leiden" gefunden.
Das Gesicht des Mannes wirkt gutmütig, beinahe belustigt, die hervortretenden Augen über der großen Nase blicken hin und her, als wollten sie die gesamte Umgebung auf einmal erfassen. Er trägt seine weiße Amtsperücke unter dem Dreispitzhut, die ihn in der Mittagssonne schwitzen lässt. Warum müssen die hohen Herren auch solche Perücken tragen? Die des Geheimrats hat seitlich zwei große, pomadisierte Locken, und hinten steht ein winziger Zopf in die Höhe wie ein aufgerichteter Rattenschwanz. Johanna muss gegen ein Lachen ankämpfen.
Der Müller schimpft: "Steh nicht dauernd mit offenem Maul und Kuhaugen da herum! Geh ins Haus und mach dich nützlich!" Dann dreht er sich um und macht einen Kratzfuß vor dem hohen Herrn. Johanna hört noch, dass dieser sich nach der diesjährigen Getreideernte erkundigt, nach Menge und Qualität, und nach den Preisen, die der Müller in diesem Jahr zahlt. Er gebietet einem Begleiter, der nach ihm aus der Kutsche gestiegen ist, alle Angaben genau zu notieren.
Johanna eilt zum Abtritt im Anbau hinter dem Haus. Sie spürt erst jetzt, dass ihr in der Hitze übel geworden ist. Das passiert ihr in letzter Zeit oft. Marie, die Hausmagd, hat einmal gesagt, das liege daran, dass sie immer fetter wird. Jeder sagt das. Aber wie soll sie das ändern? Sie arbeitet viel und bekommt immer weniger zu essen. Ob sie krank ist? Vielleicht stimmt etwas mit ihren Därmen nicht. Manchmal spürt sie ein seltsames Rumpeln, das ihr nicht geheuer ist. Es ist der Hunger, der da in ihrem Magen rumort. Oder vielleicht ein böses Gewächs? Sie hat Angst.


 

Leseprobe: GOETHES HINRICHTUNG