Anfang Dezember 1932 ist es am Bodensee ziemlich kalt und windig. Das hindert Martin Hauber nicht daran, seine gewohnten Samstagmorgenspaziergänge zu machen. Er zieht sich warm an und geht seinen gewohnten Weg am Seeufer entlang. Der Wind bläst ihm scharf entgegen und dringt durch seine Kleidung. Nach einer halben Stunde macht Hauber schließlich doch kehrt und wendet sich der Altstadt zu, wo er in den engen Gassen ein wenig geschützter ist. Es sind viele Menschen unterwegs, denn in der Zeit vor Weihnachten hat fast jeder eine Menge Besorgungen zu machen. Die Schaufenster sind festlich dekoriert, und Hauber schlendert daran entlang, bleibt gelegentlich stehen, um die Auslagen zu betrachten. Er kommt an eine Schneiderei, die drei Anzüge im Fenster ausgestellt hat – man kann die Modelle aus verschiedenen Stoffen nach Maß schneidern lassen. Er überlegt, ob er sich dieses Jahr einmal selbst beschenken soll. Die blaue Schurwolle mit den eleganten Nadelstreifen gefällt ihm besonders, gerade jetzt, wo alle Welt dazu übergeht, braun zu tragen. Er will es sich überlegen. Der blaue Stoff ist teuer, und dann kommt der Schneiderlohn hinzu. Vielleicht nach Weihnachten, denkt er. Da geht es nicht so hektisch zu.

Er will weitergehen, doch in diesem Moment rempelt ihn jemand an. "Mensch...", setzt er zu einem Protest an, doch rechtzeitig erkennt er den Mann. "Karl! Lange nicht gesehen!"

Es ist Karl Mündelein, ein früherer Arbeitskollege von den Zeppelinwerken, der jetzt in einer anderen Abteilung beschäftigt ist. Er ist zugleich SPD-Genosse und hat zu denjenigen gehört, die zu Hauber gehalten haben, als es um seinen Ausschluss aus der Partei ging. Hauber hatte sich beim Schmuggeln von Devisen erwischen lassen, im Bodenseeraum ein alltägliches Vergehen, fast ein Kavaliersdelikt, aber streng geahndet, wenn man ertappt wurde. Hauber hatte vor Gericht gestanden und hatte eine Gefängnisstrafe bekommen. So etwas war schädigend für das Ansehen der Partei, doch dank Karl Mündelein, der das Wort "Kavaliersdelikt" ins Spiel gebracht hatte, hatte man Hauber nicht ausgeschlossen. Er war nur von seinem Posten als zweiter Vorsitzender zurückgetreten.

Jetzt steht dieser Karl direkt vor ihm. "Was machst du?", fragt er.

"Dies und das", antwortet Hauber. "Bin auch noch bei der Firma."

"Gut. Ich wollte gerade einen Frühschoppen nehmen und mich ein wenig aufwärmen. Kommst du mit in die 'Traube'?"

"Natürlich", sagt Hauber. "Mir ist gerade auch danach."

Zusammen gehen sie in das nicht weit entfernte Lokal und sind froh, den vorweihnachtlichen Trubel der Einkaufsstraße hinter sich lassen zu können.

Aus Freude über das Wiedersehen spendiert Mündelein ein Viertele "Gutedel", einen sehr süffigen Wein. Hauber kann sich nicht lumpen lassen und revanchiert sich. Sie unterhalten sich über alte Zeiten und die drohende 'neue Zeit' und stellen in ihren Ansichten eine Menge Gemeinsamkeiten fest. Vor allem sind sie Gegner der Nazis, und der bereits laufende Wahlkampf beschäftigt sie.

Es ist schon fortgeschrittener Nachmittag, als die beiden endlich das Gasthaus 'Zur Traube' verlassen. Mündelein wohnt jetzt in Kressbronn und muss zum Zug, Hauber begleitet ihn zum Bahnhof, das ist für ihn kein großer Umweg.

Kaum haben sie die Gaststätte verlassen, fällt ihnen der Einkaufstrubel wieder auf. "Hier müsste man ein paar Flugblätter unter die Leute bringen", sagt Mündelein, "damit alle wissen, wen sie wählen, wenn sie wieder für die Nazis stimmen. Eine Schande war das im Sommer." Ende Juli waren Reichstagswahlen, und die Nazis haben erstmals die Mehrheit im Parlament bekommen. Seitdem werden sie immer dreister.

"Ach was", erwidert Hauber, "was das für einer ist, wissen sie längst. Wir müssen diesen Engelmann an den Pranger stellen, unseren hiesigen NSDAP-Abgeordneten."

Mündelein kichert. "Das hat schon jemand getan, im Sommer. Gleich da drüben vor dem kürzlich renovierten Haus, da lagen an einem sehr belebten Tag plötzlich eine Menge Zettel auf der Straße, mit einem flammenden Aufruf, diese Partei nicht zu wählen."

"Ich weiß", sagt Hauber. "Vor dem Haus war ein Baugerüst und die Straße deshalb besonders eng. Im Gedränge konnte sich jeder unauffällig so ein Flugblatt nehmen. Hast du auch eins ergattert?"

"Ja", sagt Mündelein. Er bleibt plötzlich stehen und wendet sich zu Hauber um. "Sag mal, steckst du etwa dahinter?"

Hauber grinst nur. "Das denken viele."

"Ich auch. Komm, erzähl mir wie du das angestellt hast, mitten am Tag einen Berg Flugblätter unter die Menschen zu bringen."

"Dazu brauche ich Zeit."

"Mein Zug geht erst in einer Dreiviertelstunde. Komm, wir gehen noch in den Wartesaal."

Um den Weg abzukürzen, überqueren sie am Bahnhofsvorplatz den abgesperrten Bereich einer Baustelle, wo die neue Hauptpost gebaut wird, und suchen im Bahnhof den Wartesaal zweiter Klasse auf. Sie finden eine Ecke, in der sie niemand belauschen kann. Mündelein spendiert noch einen Schoppen, obwohl sie beide eigentlich schon genug haben. "Nun erzähl schon", drängt er.

Hauber zögert nur kurz. Er kennt Mündelein schon lange und ist sicher, dass der Mann kein Spitzel ist. "Du hast dich richtig erinnert", sagt er schließlich, "vor dem Haus war ein Baugerüst."

"Und da hast du die Flugblätter deponiert, bis der Wind sie irgendwann heruntergeweht hat? Genial. Da konntest du dich in Ruhe aus dem Staub machen."

Hauber schüttelt den Kopf. "Die Sache war noch ein bisschen komplizierter", gibt er zu. "Ein Freund, dessen Namen ich nicht nennen möchte, hat die Flugblätter zum Verteilen bekommen. Er hat mich gebeten, ihm zu helfen. Ich habe lange überlegt, wie ich das anstellen könnte, ohne mich zu erkennen zu geben. Dann hatte ich die richtige Idee, und zwar während der Arbeit."

"Im Zeppelinwerk?", staunt Mündelein. "Sag bloß, du hast..."

Hauber winkt ab. "Aber Karl! Nicht was du denkst. In der Werkshalle stand ein alter Eimer, der irgendwo ein kleines Loch hatte, so dass das Wasser auslief. Ganz langsam nur, aber der Eimer war unbrauchbar. Ich habe ihn mitgenommen und gedacht, daraus könnte man eine Art Sanduhr machen. Mein Bekannter und ich haben uns also in der Nacht getroffen, und sind mit ein paar Sachen bewaffnet auf das Baugerüst." Er muss kichern, als er daran zurückdenkt. "Oben haben wir dann eine Leiter auf die Dachschräge gelegt und sind zum Schornstein hinauf. Die ganze Zeit hatten wir Angst, dass uns jemand sieht, denn obwohl es nach Mitternacht war, war es ziemlich hell. Der Mond, weißt du. Und die weite Wasserfläche des Sees. Na, und als wir oben waren, haben wir ein Brett quer über den Schornstein gelegt, auf beiden Seiten gut überstehend. Auf eine Seite kamen die Flugblätter, mit einem Stein beschwert, damit sie nicht vorzeitig umher wirbeln konnten, auf die andere Seite haben wir den Eimer voll mit Wasser gestellt."

"Einfach genial!"

Hauber schüttelt den Kopf. "Nicht besonders. Die Sache wäre nämlich beinahe schief gegangen. Es war nicht so einfach, das Brett ins Gleichgewicht zu bringen. Einmal wäre uns das Ganze fast in die Tiefe gesaust. Aber dann war es geschafft. Es hat fast eine Stunde gedauert."

"Aber es hat sich gelohnt", sagt Mündelein. "Ihr habt dem Engelmann und seinen Nazis eine ziemliche Schlappe beigebracht." Er hebt sein Glas erneut und leert es. Dann bricht er in Lachen aus und wiegt den Kopf hin und her. "Einfach genial", wiederholt er. "Du hattest schon immer die besten Ideen."

Er bestellt nach. An diesem Tag verpasst er seinen Zug, und auch Hauber kommt spät nach Hause. Er sinkt sofort aufs Bett und schläft voll bekleidet. So viel hat er schon ewig nicht mehr getrunken.

 

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Leseprobe: DAS ATTENTAT DES HERRN HAUBER